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Die wunderbare Pause







[Eine kürzere Version, vom Lektorat überarbeitet, wurde 2015 in der Anthologie "Wunder im Doppelpack: Wahre Geschichten für Teens", Herausgeberin: Verena Keil, durch den Gerth Medien Verlag veröffentlicht unter dem Titel "Die wunderbare Pause". Link zum Buch: www.amazon.de/Wunder-Doppelpack-Wahre-Geschichten-Teens/dp/3957340381/ref=tmm_pap_swatch_0 ]




Seit meiner Bekehrung zu Ostern 2004 durch den Film „Die Passion Christi“ von Mel Gibson mit noch 13 Jahren, wurde mir die Tatsache, dass Christus uns alle durch seinen Tod am Kreuz erlöst hat, immer bewusster. Ich wurde zwar auch christlich erzogen, aber ich habe das alles nie empfunden: Beten, Bibellesen – all das war zwar da, „musste“ gemacht werden. Aber ich empfand nichts, konnte damit einfach nichts anfangen. Ich fing nach meiner Bekehrung an, viel über Jesus zu sprechen; mit Freunden, mit Mitschülern, erstellte Homepages über den Glauben und über Gott und kaufte mir zum Weltjugendtag 2005 in Köln einen limitierten Jesus-Rucksack der Marke Eastpack (siehe Foto). So missionierte ich in meiner Schule und verbreitete meinen Glauben.




Meine Mitschüler wurden so sehr vom göttlichen Band eingebunden, welches ich ihnen umlegte, dass sie nach einiger Zeit wussten, dass war nicht nur eine Phase, das war echt und das war etwas Dauerhaftes. Sie fingen an, sich über mich lustig zu machen, machten auch Jesus gegenüber ziemlich böse und gemeine Bemerkungen. Dass sie mich beleidigten war die eine Sache, aber dass sie auch noch Jesus anfeindeten, ihn hart beleidigten, das fand ich so verletzend! Wir besuchten zwar eine Schule, die einen christlichen Leitfaden umschloss, hatten Schulgottesdienste und lasen im Religionsunterricht oft in der Bibel, aber dennoch war Glauben total uncool und unnütz in den Augen der anderen.

Während andere irgendwelchen Bands und großen Hollywood-Stars nachliefen und nacheiferten, war nur Jesus mein Ein und Alles. Das nervte die anderen so sehr, dass sie mich mal während einer sogenannten „Besinnungsfahrt“ (einer Klassenfahrt mit religiösem, „besinnendem“ Inhalt) fragten, was denn Jesus so Großartiges geleistet hätte. Er hat immerhin keine Band und damit keine CD herausgebracht, er war kein Schauspieler und hatte damit auch keinen coolen Film zu zeigen. Sie sahen, dass ich neben meinem Bett in der Herberge ein Bild von Jesus stehen hatte und wurden noch angewiderter Jesus und mir gegenüber. Ich konnte es nicht glauben. Was Jesus so Großartiges geleistet hatte? Das fragt ihr noch? Aber noch ehe ich darauf antworten konnte, war meine gesamte Klasse wieder aus meinem Zimmer, das ich mir mit meiner besten Freundin teilte und die ich auch mit Jesus „nervte“, geströmt. Was konnte man noch dazu sagen? Mir fehlten die Worte.

Einige Jahre später schrieb ich meinem Lieblingsschriftsteller und bekannten Mönch, Anselm Grün, einen Brief und klagte ihm mein Leid bezüglich meiner Mitschüler, die mich wegen Gott fertig machten. Er antwortete mit einem persönlichen Brief an mich, dass er darin erkennt, dass auch sie sich nach Glauben sehnen, sie aber diese Wahrheit nicht zulassen können oder wollen.

Hmm, sollte ich das wirklich so sehen? Sie sehnten sich auch, aber konnten es nicht zeigen und mussten mich daher fertig machen? Ich weiß nicht …

Je mehr man mich beleidigte, desto stärker hielt ich an Gott fest. Ich betete mehr, las mehr in der Bibel – den ganzen Tag befasste ich mich mit Gott und suchte bei ihm Kraft und Halt. Er war damals der einzige, der zu mir stand, der mich verstand und der mir helfen konnte.

Auch die Hilfe meines Schulpfarrers kam mir sehr gelegen, den ich zunächst anonym per Mail anschrieb, aber mit der Zeit ein herzlicheres und offeneres Verhältnis erwuchs und ich mich ihm immerzu anvertrauen konnte, sodass Schule doch wieder etwas Spaß machte. Weil da doch jemand war, der mich verstand. Mein damaliger Klassenlehrer sah es aus unerfindlichen Gründen nicht gern, dass ich mich nur mit meiner besten Freundin befasste und nicht Teil einer Gruppe war. Wie auch? Es hasste mich doch jeder! Bei ihm hieß man gut und gerne „Pfeife“ oder „Lusche“. Oft riet er auch meiner besten Freundin, sich von mir fern zu halten. Wir sollen getrennte Wege gehen. Auch andere Lehrer hielten mich offenbar für wertlos. Ich war damals auch noch recht schüchtern, was das Mobbing nicht gerade besser machte, ganz im Gegenteil; ich zog mich umso mehr zurück.

In den Augen der Lehrer war ich damit aber „frech“, „gemein“, „kess“. Demnach wurde ich genauso von ihnen behandelt. Im Grunde war ich im Allgemeinen [zumindest in der Schule] das komplette Gegenteil: hilfsbereit, sozial, wahnsinnig rücksichtsvoll, lieb, gehorsam. Ich ließ vieles einfach über mich ergehen – was hätte ich auch schon tun können? Sie saßen am längeren Hebel, hatten durch meine Noten und mehr mein ganzes Leben in der Hand. Und ich hatte zumindest meinen Schulpfarrer und einen guten Freund, die mir einigermaßen zur Seite standen, damit ich wenigstens halbwegs gut durch all das hindurch kam, da sich auch herausstellte, dass meine sogenannte beste Freundin es auch nicht war und mich fallenließ. Auf sie konnte ich nun auch nicht mehr bauen.

 

                                   *                                  *                                  *

 

Vor mehr als zehn Jahren (als ich noch zur Schule ging), an einem Sonntagabend, hatte ich überhaupt keine Lust am nächsten Tag wieder zur Schule zu gehen. Mich erwarteten Mitschüler, die meinen Glauben nicht akzeptieren wollten und mich beleidigten. Darüber hinaus würden 7 Unterrichtsstunden auf mich warten.

Es schneite. Ich sah aus meinem Zimmerfenster hinaus auf die dunkle Straße. Einige Autos fuhren vorbei. Ich stand da und dachte nach. Innerlich betete ich zu Gott. Er kannte meine Lage nur zu gut. Er wusste, dass ich aufgrund meines Glaubens fertig gemacht wurde in der Schule. Er kannte meine Leidenssituation. Ich konnte nicht mehr, die Luft war raus. Sogar die Lehrer hatten mich auf dem Kieker.

Ich betete an jenem Sonntagabend zu Gott, dass er ein Wunder geschehen lassen sollte, dass am nächsten Tag die Schule ausfällt. Ich wusste zwar, dass es wahrscheinlich nicht passieren würde. Aber beten kostet nichts.

Bittet, dann wird euch gegeben, sagte Jesus. Das machte ich mir zunutze. Ich bat Gott um schulfrei.

Ich war sehr aufgeregt wegen des nächsten Schultages, auf den ich überhaupt keine Lust hatte. Meine Kraft, jeden Tag aufs Neue all die Beleidigungen und körperlichen Attacken auf mich wegen meines Glaubens an Jesus, auf mich zu nehmen, mein Kreuz  zu tragen, war mir in diesem Moment einfach zu viel. Ich brauchte eine Pause.

Ich hoffte inständig, dass Gott mein Bitten erhörte und für den morgigen Schultag, dem Montag, ein kleines Wunder für mich geschehen lassen würde.

So ging ich zu Bett und hatte Angst. Was würde passieren, wenn Gott meinem Bitten nicht nachging? Wie würde ich den Tag überstehen? Natürlich sollte der Wille Gottes geschehen und nicht der meine. Vielleicht wollte er ja, dass ich das alles durchlebe. Ohne Pause. Ohne Erholung für neue Kraft. Dennoch konnte ich nicht mehr. Es zog und zerrte an mir. Es drohte zu reißen wie ein überdehnter Kaugummi. Wie weitermachen?

Die Nacht über versuchte ich so viel Ruhe und Schlaf zu bekommen wie es nur ging. Wenn Gottes Wille nicht der meine war, dann würde mir ein langer Schultag bevorstehen. Gott bewahre!

Am nächsten Morgen erwachte ich und hatte fast schon wieder mein Gebet an Gott vergessen. Doch an der Schule angekommen fiel es mir wieder ein und ich bat Gott erneut inständig aus ganzem Herzen. Bis jetzt schien es so, als müsse ich leider zum Unterricht. Ich betrat das Schulgebäude und stand gespannt am Vertretungsplan. - Nichts. Ich hatte bis hierhin noch keinen meiner Mitschüler entdeckt. Wohl wurde ich wieder von anderen gehässig von der Seite angeschaut. Ich erregte immerzu die Aufmerksamkeit. Warum auch immer. Manche zeigten sogar mit dem Finger auf mich und fingen an zu lachen.

Ich blieb geknickt im Eingangsbereich stehen und wartete. Es war noch etwas Zeit bis zum Unterrichtsbeginn. Doch dann kamen einige Mitschüler aus dem Lehrerzimmer und riefen, dass unsere Klasse die ersten vier Stunden frei hätte! Ich war überrascht, aber dennoch enttäuscht. In 4 Stunden wiederkommen? Oh Gott, bitte nicht!

Einige andere aus meiner Klasse beklagten sich darüber, die langsam eintrudelten, und die Mitschüler kehrten zurück ins Lehrerzimmer, wo sie mit dem Direktor sprachen. Wenige Minuten später kamen sie wieder heraus und riefen erfreut: „Wir haben komplett schulfrei bekommen!“

Ich war baff. War das wirklich wahr? Mir lief ein Schauer über den Rücken.

Es schien wahr zu sein. Meine Klasse konnte es genauso wenig glauben und stand noch quatschend beisammen. Doch kurz darauf trennten auch sie sich, einige gingen wieder heim, andere in Richtung Innenstadt. Offenbar waren einige Lehrer erkrankt. Einige Mitschüler beschwerten sich wohl bei unserem Rektor und so wurde aus den 4 Stunden später Schule – schulfrei! Ich fand es recht befremdlich, da unser Rektor nicht gerade dafür bekannt war, unnötig schulfrei zu geben, sondern eher, den gesamten Tag mit Vertretung zu füllen.

Auch ich trat also den Heimweg an und konnte es nicht glauben: Gott hatte ein Wunder bewirkt! Es war wahrhaftig schulfrei!

Oft brauchte es Tage oder Wochen bis Gott meine Gebete erhörte. Wenn er es überhaupt tat. Desto erfreuter und überraschter war ich nun, wie schnell das dieses Mal ging. Wenige Stunden lagen dazwischen und Gott erfüllte meine Bitte.

Er sah mein Leiden, meine Angst. Und er handelte wie ein liebender Vater, der seinem Kind Erholung schenkte. Wenigstens für einen einzigen Tag.

Ich hatte wahnsinnige Gänsehaut. Ich war so baff, das war unbeschreiblich. Mein Heimweg betrug etwa zwanzig Minuten. Die ganze Zeit strahlte ich über das ganze Gesicht und dankte Gott mit hüpfendem Herzen für das Wunder! Es war so ein wahnsinnig großer Stein, der mir vom Herzen abfiel, so eine riesige Last, die ich zumindest für diesen einen Tag, nicht mehr zu tragen brauchte. Ich fühlte mich leicht und frei und so geliebt. Die ganze Zeit hatte man mir nur gezeigt, wie sehr man mich hasste, verabscheute, wie wertlos ich war, wie unnötig für diese Welt. - Und gerade mitten in dieser Lieblosigkeit hinein, warf jemand einen riesigen Batzen Liebe auf mich nieder. Ich konnte es einfach nicht fassen!

Dann bemerkte ich mit Staunen, dass, vom Schulgebäude an bis zu meinem Zuhause, mich ein weißer Schmetterling begleitete. Er flog neben mir her, den ganzen Weg und flog dann, daheim angekommen, über meinem Haus davon. Wer war dieser Schmetterling, der mich begleitete? Der Heilige Geist kann sich in eine weiße Taube verwandeln. - War er jetzt in Gestalt eines weißen Schmetterlings bei mir gewesen? Um mir bei all dem Leid beizustehen, als Zeichen, dass ich nicht alleine war? Und um zu zeigen, dass mir Gott aus Liebe diesen freien tollen Tag bescherte?

Als ich so früh – noch vor 8 Uhr! -  wieder zu Hause ankam, konnte natürlich keiner glauben, dass wirklich komplett der 7-stündige Unterricht einfach so ausgefallen war. Man glaubte, ich hätte geschwänzt. Ich bat an, man könne ja den Rektor anrufen, der hätte uns immerhin schulfrei gegeben! Dann glaubte man es mir.

Ich hätte es ja fast selbst nicht geglaubt.

Meine ältere Schwester lag zu dem Zeitpunkt krank im Bett und als ich zu ihr ins Zimmer trat und ihr die unfassbare Geschichte erzählte, stand ihr auch vor Staunen der Mund offen. Es war für alle unfassbar!

Immer, wenn ich diese Geschichte jemandem erzähle, bekomme ich wieder Gänsehaut und auch meinem Gegenüber läuft es eiskalt den Rücken runter.

Ob mir dieser unerwartete freie „Erholungstag“ wirklich neue Kraft gab, weiß ich nicht mehr genau. Bestimmt. Zumindest ein wenig. Denn hier ging es nicht mehr nur darum, dass ich mich erholen konnte, hauptsächlich seelisch, sondern auch darum, dass Gott mir ein weiteres Mal bewiesen hat, dass er existiert, dass er da ist und dass er wirklich sorgt. Man glaubt ja gut und gerne mal, dass Gott einen in schweren Zeiten vergisst oder einen einfach leiden lässt. Aber Gott hat hier bewiesen, dass er besonders auf geschundene Seelen hört, wenn sie zu ihm schreien und ihnen hilft. Ich habe schon immer an Wunder geglaubt, doch dieses eine besondere war eins, dass ich niemals vergessen werde und das mir zeigt, dass sie gerade dann passieren, wenn man es gar nicht erwartet und man eigentlich nicht daran glaubt, dass es passieren kann. Natürlich muss alles im Sinne Gottes geschehen. Und Gott sei Dank lag meiner mit dem seinen im Einklang.

 

Gott ist so unfassbar. Er ist allmächtig. Er ist gut. 

 

 

 

                                               ENDE